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Massenparty im Epple

Beat und Surf zum 30. Geburtstag

 TÜBINGEN (nel). Hans Siebert, auf dem Kopf eine verwaschene Samtkappe, steht an der Tür und lässt niemanden mehr rein. Es ist erst 23 Uhr, aber zur 30-Jahrfeier am Mittwoch ist das
Richard-Epple­Haus
schon ausverkauft. ,,Es sind schon 174 Leute“, erklärt er einem Mann mit gepiercten Augenbrauen. ,,Nur kurz rein aufs Klo“. Dicht aneinandergepackt bewegen sich die Besucher langsam hin und her zur Bar. Auf der Bühne spielen die
Cha Cha Guerrillas
, ein Beat Trio bestehend aus Gitarre, Schlagzeug und Hammond Orgel. Vorne führt ein Pärchen die altmodischen Bewegungen der Jerk und Swim vor, er mit einem aufgemalten Kajal Schnurrbart.  Frontmann Ralph on Fyre, aus Balingen, weicht aus als zwei Damenunterhosen aus dicker Baumwolle auf die Bühne fliegen. Am Eingang genießt Siebert den Andrang. ,,So voll war es noch nie“, sagt der Organisator der regelmäßigen Mittwochskonzerte, ,,und das ohne Hunde, Bewusstlose und Minderjährige.“ Die gute Stimmung ist nicht zu übersehen. Zynische Tübinger Rockmusiker‘ die sonst nur über alles lästern, sammeln sich im Treppenhaus und preisen die Band, die man freilich durch die Menschenmenge nur dumpf im Hintergrund hört, gnadenlos an. ,,Ein Lob an den Bassisten und seine stetig pulsierende, zuverlässig treibende Beats“, sagt einer in vollem Bewusstsein, dass die Band keinen Bassisten hat. Das einfache
,,Lo-Fi-Pop­Stomp“, wie die Cha Cha´s ihre Musik nennen, lässt die Profis eher kalt, während es die Massen zu immer steigernden Höhenflügen der Tanzkunst bewegt.
Als die Leopold Kraus Wellenkapelle die Bühne betritt, fällt sie durch billige Eleganz-Ansprüche auf. Zu einer Rickenbacker Kopie trägt der Gitarrist eine Nehru Jacke, darunter ein schwarzes Cowboy Hemd. Zum bratschenförmigen Beatles-Bass trägt Willi del Mare eine dicke Hornbrille. Die Band legt los und spielt eine Stunde lang kurze, ausgeklügelte Cover-Versionen, von Ennio Morricone bis ,,Paint it Black“. Alles hätten sie in Freiburg auf der Surf- und Rockschule des legendären Leopold Kraus gelernt, sagt Gitarrist Tim Düse. Die Essenz der Surfgitarre besteht darin, die Melodie auf einer Saite zu spielen. Um die Technik zu meistern, reiche ein Menschenleben nicht aus, so Düse. Für die Auflösung wird von DJ Matsch gesorgt. Bis ein Uhr haben die meisten schon die Flucht ergriffen rüber zum Goa Abend im Schlachthof, zurück ins Jahr 1972.

Im 60er Outfitt kostet der Eintritt nur drei statt sechs Euro.

links: die            CHA CHA GUERRILLIAS

rechts: die LEOPOLD KRAUS WELLENKAPELLE

,,Massenparty im Epple“ hieß der Konzertbericht am 4. Oktober.

»Zu Begeisterungsstürmen«

Es wird sich mir vermutlich für immer verschließen, warum ich bei einigen Berichten seitens der TAGBLATT Konzertkritiker stets das Gefühl habe, auf einer anderen Veranstaltung gewesen zu sein. So auch wieder beim Bericht über die Jubiläumsparty im Epplehaus. Die Leopold Kraus Wellenkapelle ist seit einigen Jahren ein absoluter Garant für einen gelungenen Abend mit Surfmusik und darüber hinaus eine Band, die auch Menschen, die sonst nicht zu den regelmäßigen Konzertbesuchern zählen, stets zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Das war auch am Mittwoch nicht anders, und selten habe ich im Epplehaus lautere Forderungen nach einer Zugabe gehört. Deswegen frage ich mich, was ,,nel“ zum Ausdruck bringen will, wenn sie dermaßen inhaltslos über ,,billige Eleganz-Ansprüche fabuliert und den Anzügen der Musiker mehr Beachtung schenkt als deren Musik. Eine Stunde lang Cover-Versionen von Ennio Morricone bis Paint it Black ist nicht nur beleidigend, sondern schlichtweg falsch. Bei einem zweistündigen Konzert mit mehreren ausgedehnten Zugaben sei es schon erlaubt, zwei kurze Hommagen mit einzubauen, wenngleich mir Morricone nicht aufgefallen ist. Von wesentlich größerem Interesse wäre es gewesen zu erwähnen, dass die Band sich bei ihren neueren, aber wie immer selbst komponierten Stücken wieder etwas von geradliniger Surfmusik entfernt und sich an längeren, experimentellen Passagen versucht. Oder dass die Anmoderationen von Torpedo Tom, Tim Düse, Willi del Mare und Jens Dampf wie immer ein Genuss für uns Fans von anspruchsvoller Unterhaltungsmusik waren.

Richard van Ess, Tübingen Münzgasse 13

Anmerkungen der Redaktion

Mal davon abgesehen, daß der Eintritt im 60er Outfitt 3 statt 5 EURO gekostet hat -

sind die im ersten Artikel beschriebenen Beats, dem dortigen Satzbau entsprechend, den pulsierendeN, treibendeN zuzuordnenN.

(,,Ein Lob an den Bassisten und seine stetig pulsierenden, zuverlässig treibende Beats“)

Desweiteren scheint mir "nel" in der Tat mehr auf die Klamotten, als auf die Musik geachtet zu haben, was Sie wohl eher als Modekritikerin denn als Konzertkritikerin qualifiziert.

Eine bekannte Melodie in ein neues Stück zu integrieren (sind Euch eigentlich das Traumschiff und die Rote Zora aufgefallen) ist nicht das gleiche wie ein bereits bestehendes Stück aufzupeppen, und sollte daher auch nicht über einen Kamm geschoren werden.

Zwar habe ich Mittwochs im Epplehaus schon lautere Forderungen nach einer Zugabe gehört, allerdings war der Laden unter der Woche schon lange nicht mehr so voll.

Und zu guter letzt wollte ich noch anmerken, daß ich zumindest die Bewustlosen ganz gerne um mich habe, den die halten für gewöhnlich, wenigstends Ihr blödes Maul...

Artikel 1&2 sind im Originalton übernommen aus dem Tagblatt vom ???

Anmerkungen der Redaktion stammen von TF.