Aufruf zur solidarischen Prozessbegleitung!

Am 29.04.2017 kam es zu einem versuchten Angriff von Faschisten der
Kleinstpartei „Der III. Weg“ auf einen antifaschistischen Infostand in
Rottenburg am Neckar. Die anwesenden Antifaschist*innen reagierten so
besonnen, dass sich die Angreifer schnell gezwungen sahen das Weite zu
suchen.
Diese Antifaschist*innen sind nun von Repression betroffen!

Mit der Repression stellt die Staatsanwaltschaft und Polizei die
Tatsachen mal wieder auf den Kopf: antifaschistische Gegenwehr wird
verfolgt und soll bestraft werden, die Faschisten, von welchen der
Angriff ausging, werden geschützt und als Opfer dargestellt.

Nun wurde der erste Prozess terminiert, bei dem 2 AntifaschistInnen auf
der Anklagebank sitzen.

Dieser findet am Montag, 16.07.2018 um 13:30 Uhr im Amtsgericht
Rottenburg statt. Im Rahmen der Kampagne Solidarität und Widerstand
rufen wir zu einer solidarischen Prozessbegleitung auf!

Zugtreffpunkt aus Tübingen zur Kundgebung am Montag, 16. Juli, 12:00 Uhr
vor dem Amtsgericht Rottenburg a.N.:

wann?: Montag, 16. Juli 2018, 11:00 Uhr
wo? : Tübingen HBF

Weitere Informationen und die Solidaritätserklärung gibt es auch unter:
http://otfr.blogsport.de/solidaritaet-widerstand/

Schwarz-Rot-Geil? [Reupload]

Ein paar kritische Anmerkungen zum WM-Nationalstolz

Es ist mal wieder soweit: Die Männer-WM steht an. In den Hallen der heimischen Supermärkte nehmen viele Produkte eine schwarzrotgoldene Färbung an, um sich so besser zu verkaufen.

Die Menschen erwerben auch wieder Plastikfähnchen, um sie an ihren Autos zu befestigen. Es herrscht Euphorie und unbegründete Aufbruchsstimmung.

Wer dagegen das ganze Fahnen-Gewedel kritisiert gilt schnell als Spielverderber und Nestbeschmutzer und wird schnell angefeindet. Wir wollen trotzdem mal eine weitgehend sachliche Kritik an dem WM-Nationalismus wagen. Weniger in der Hoffnung, damit emotionalisierte Deutschland-Fans zu erreichen, als mehr diejenigen die kritisch oder unentschlossen sind.

Grundsätzlich sehen wir keine logische Basis in der Trennung in ‚guten‘ Patriotismus und ’schlechten‘ Nationalismus. Auch im scheinbar harmloseren Patriotismus ist eine Abwertung, wie sie meist nur dem Nationalismus unterstellt wird, zumindest angelegt. Der Wir-Bezug führt zur Abgrenzung von „den Anderen“ und durch die Hochschätzung „des Eigenen“ kommt es schnell zur Geringschätzung „des Anderen“.

Deshalb glauben wir auch nicht an einen „gesunden Patriotismus“. Oder um es mit dem Känguru zu sagen: „»Gesunder Patriotismus klingt für mich ein bisschen wie „gutartiger Tumor“«“ (Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken, Seite 208)

Wir möchten gerne exemplarisch am WM-Nationalismus ausführen, was uns grundsätzlich am Nationalismus, oder meinetwegen auch ‚Patriotismus‘, stört.

‚Nationen‘ und ‚Völker‘ sind keine natürlichen Einheiten, sondern Konstrukte

Knapp 82 Millionen unterschiedliche Menschen werden in die Schublade „Deutschland“ gestopft. Diese Menschen haben erst einmal nichts gemein als ihren zufälligen Wohn- bzw. Geburtsort und ihren Pass.

Es gibt keine objektiven Grundlagen zur Herausbildung einer ‚Nation‘ oder eines ‚Volkes‘. Die Grundlage dieser Kollektive besteht vor allem im Willen ihr Teil zu sein. So werden sie täglich durch Performanz und Bejahung neu herausgebildet. Während der Männer-EM- und WM-Spielen der deutschen Mannschaft wird das besonders gut sichtbar. Ein gemeinsames Wir-Gefühl wird erschaffen durch ein gemeinsames Ziel, gemeinsame Symbolik und geteilte Gefühle.

Bei der Suche nach weiteren Gemeinsamkeiten als dem Willen dazuzugehören wird es schwierig. Die Sprache? In Österreich und der Schweiz sprechen auch viele Menschen Deutsch, während hierzulande andererseits viele Personen eine andere Muttersprache haben (Türkisch, Italienisch, Sorbisch etc.).

Auch wenn Menschen eine gemeinsame deutsche Kultur anführen, überzeugt das nicht. Zwischen einem Punker-Girl in Hannover und einem Trachten-Träger in einem bayrischen Dorf liegen kulturelle Welten.

Es gibt zwar gewisse kulturelle Prägungen (etwa eine säkular-christliche durch die staatlich verordneten Feiertage), die aber durchaus abgelegt oder mit anderen Kulturen und individuellen Neigungen kombiniert werden können.

Nun wollen aber einige Leute unbedingt stolz auf Deutschland sein. Da stellt sich doch die Frage worauf sie genau stolz sind. Als Antwort werden dann Dinge genannt wie: Deutsche Markenqualität, Goethe, die schönen deutschen Wälder oder eben auf die Leistungen der deutschen Nationalelf bei der Männer-WM.

Doch die Leute, die solche Antworten geben, haben meist nichts zu tun mit der Qualität von Produkten zu tun, haben nicht Goethes Werke verfasst, tragen nur selten etwas zur Schönheit der Natur bei (die sich übrigens auch nicht an Grenzen hält) und haben ebenso wenig die Tore bei der Männer-WM geschossen. Letztlich findet vor allem eine Fremd-Aneignung von positiven Dingen und Leistungen statt. Dabei müsste man, wenn man schon auf all diese Dinge stolz ist, sich gleichzeitig auch ganz schön schämen – besonders im postnazistischen Deutschland. Stolz-Deutsche lehnen den Begriff „Kollektivschuld“ gerne entrüstet ab, aber ihren Kollektivstolz tragen sie vor sich her.

Nationalismus ist nicht hilfreich

Wie gezeigt, ist Nationalstolz oder Patriotismus eine ziemlich konstruierte Sache. Mit dem Appell an die Kollektividentität werden reale Unterschiede zwischen Individuen und sozialen Gruppen nicht zum Verschwinden gebracht, sondern nur übertüncht. Für einen Obdachlosen stellt es keine reale Verbesserung seiner Lage dar, wenn Deutschland Exportwelt- oder Fußballweltmeister wird. Oft wird verlangt, zugunsten des nationalen Kollektivs auf irgendwas zu verzichten. Da wird dann z.B. eine Nullrunde in den Lohnverhandlungen hingenommen, um den Standort Deutschland aufzuwerten. Oder im Extremfall sollen Väter und Mütter auf ihre Söhne verzichten, die für das Vaterland in den Krieg ziehen.

Dabei haben die Menschen diesseits und jenseits der Grenze ein gemeinsames Interesse gegenüber den herrschenden Verhältnissen. Doch die Akzeptanz der Grenze und der in ihnen gefangenen National-Kollektive führt dazu, dass sich die Menschen mit denselben Interessen gegeneinander ausspielen lassen.

Das geht bis hinein in die Gewerkschaften, die einen Standortnationalismus praktizieren, der die Lohnabhängigen weltweit in ‚Nationen‘ aufspaltet. Damit werden die Prinzipien der Konkurrenzgesellschaft, in der wir leben, auf nationaler Ebene reproduziert.

Gefahr der Eskalation

In der emotionalen Aufgeladenheit ist auch immer eine gewisse Gefahr der Eskalation angelegt. Hier offenbart auch der scheinbar harmlose Männer-WM-‚Patriotismus‘ seine gefährliche Ader. Sowohl im Sieg als auch in der Niederlage steckt die Eskalation. Bei einer Niederlage wenden sich die Aggressionen schnell gegen das Gewinner-Team und seine (vermeintlichen) Vertreter*innen. Bei einem Sieg werden schnell auch mal chauvinistische Töne laut („So sehen Sieger aus“) und das Verlierer-Team und seine (vermeintlichen) Vertreter*innen werden noch einmal extra gedemütigt, um den Sieg abzurunden.

Beides ließ sich bei Männer-Fußball-Meisterschaften in Vergangenheit zur Genüge beobachten.

Generell ist der Appell ans Nationale gefährlich, denn jede Form von Nationalismus – auch ‚Patriotismus‘ – ist ausgrenzend. Jede ‚Nation‘ ist ein exklusiver Club, in den nicht jede*r rein kann, der*die will. Früher wurden Menschen nicht akzeptiert, die kein „deutsches Blut“ (was es natürlich gar nicht gibt) haben, heute sind es Flüchtlinge oder arme Nicht-EU-Ausländer, denen der deutsche Pass und Zugehörigkeit verweigert wird.

Mit Nationalismus lassen sich auch wunderbar Kriege führen. Die Kriege, die das Kollektiv führt, dem man sich selbst zuordnet, sind immer akzeptierter. Im Englischen heißt es: „Right or wrong, my country!“. Schon Heinrich Heine wusste kritisch anzumerken: „Auf den Nationalismus berufen sich alle, die menschliches Elend verursachen und ausnützen.“

WM-Nationalismus ist vor allem Männersache

Was auch in der linken Kritik am WM-Nationalismus häufig untergeht, ist seine Nähe zu konservativen Geschlechterrollenbildern. Das merkt man schon an der verschiedenen Wertigkeit von Männer- und Frauen-Fußball-WM. Frauen* dürfen sich an den Männer-WMs zwar beteiligen, aber nur als Fans und eher am Rande. Fußball gilt immer noch als klassischer Männer-Sport. Gemeint ist hier die heterosexuelle Männlichkeit. Es hat einen Grund, warum sich bisher kein aktiver Männer-Bundesligaspieler als schwul geoutet hat.

Generell nehmen Frauen auch unter den Fans eher eine Objekt-Rolle ein. Ihnen wird oft pauschal unterstellt von Fußball keine Ahnung zu haben und die männlichen Experten erklären dann netterweise den Frauen* alles („Mansplaining“). Ansonsten dürfen sie vor allem hübsch aussehen, egal ob die Spieler-Partnerinnen oder Frauen in der Werbung mit WM-Bezug. Hier trifft sich der Fußball ganz gut mit dem deutschen Nationalismus. Ist doch schon in der Nationalhymne die Rede von „deutsche Frauen, deutscher Wein“, quasi als die guten Produkte des Vaterlandes. Ansonsten dürfen sie vor allem Kinder kriegen. Traditionell ergeht im Nationalismus an Frauen als „Mütter der Nation“ vor allem der ‚Auftrag‘ Nachwuchs zu produzieren.

Nationalismus in der Einwanderungsgesellschaft

Unzweifelhaft hat sich in den letzten Jahren die Gesellschaft gewandelt. So wurde von vielen immer mehr akzeptiert, dass auch Einwanderer und ihre Nachkommen Teil Deutschlands sind.

Gerade auch in der Männer-Nationalmannschaft schlägt sich das nieder. Hier spielen viele Männer mit so genanntem Migrationshintergrund. Darüber ist der Nationalismus alten Typs, also der völkische, nicht glücklich. Er hätte gerne eine Mannschaft aus weißen und möglichst blonden und blauäugigen Männern. Die völkischen Hardliner, etwa von der NPD, lehnen daher die Männer-WM-Mannschaft sogar zur Gänze ab.

In Deutschland gibt es heute zwei Varianten des Nationalismus: Einerseits eine alte, völkische Variante, die grundsätzlich nur weiße Herkunftsdeutsche als „echte“ Deutsche akzeptiert. Diese Variante wird im parteipolitischen Spektrum von großen Teilen der AfD (Höcke, Meuten, Gauland) und der NPD vertreten. Sie träumen von Deutschland als homogener Nation. Da diese Homogenität in Realität nicht existiert, steht bei einer Machtübernahme der Völkischen zu befürchten, dass sie versuchen werden diese Homogenität gewaltsam zu erzwingen.

Andererseits gibt es auch einen modernisierten und aufgeklärt anmutenden Nationalismus, der mit (erfolgreichen) Migrant*innen kein Problem hat. Diese Variante wird von großen Teilen der Union, der SPD, der Grünen und dem Wagenknecht-Flügel der Linkspartei vertreten.

Auf EU-Ebene könnte man im ökonomischen Bereich beide Varianten auch an der Position zum Euro unterscheiden. Die Völkischen und Deutschnationalen waren gegen die europäische Einheitswährung, die moderner eingestellten Deutschland-Fans waren in der Regel dafür.

Erinnerungspolitisch versucht die völkische Variante den Nationalsozialismus zu banalisieren (Gaulands „Volgelschiss“-Rede) oder sich positiv auf bestimmte Bereiche der NS-Vergangenheit (Autobahn-Lob, Gaulands Wehrmachts-Lob) zu beziehen. Der modernisierte Nationalismus dagegen banalisiert oder leugnet keine NS-Verbrechen, sondern bezieht deren Aufarbeitung eher in seinen positiven Deutschland-Bezug mit ein. Man ist stolz ‚Aufarbeitungs-Weltmeister‘ zu sein.

Beide Varianten rangeln derzeit miteinander um die Deutungshoheit des Deutsch-Seins. Nicht immer müssen sich beide Varianten widersprechen, manchmal ergänzen sie sich auch. Genauso wie rassistische Hooligans dem schwarzen Spieler ihrer Mannschaft zujubeln, wenn dieser ein Tor schießt.

Auch der modernisierte und integrativere Nationalismus bleibt problematisch. Er schließt zwar weniger Menschen aus, aber trotzdem immer noch diejenigen, die jenseits der Grenze wohnen oder sich selbst nicht als Deutsche verstehen.

Zudem zeigt sich auch dass es in migrantischen communitys eigene Nationalismen gibt. Eine Folge davon war beispielsweise, dass die türkischstämmigen deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan brav bei der Propagandashow des türkischen Autokraten Erdogan mitgespielt haben.

Gleichzeitig werden alle Nicht-Herkunftsdeutschen von vielen Herkunftsdeutschen unter pauschalen Disloyalitäts-Verdacht gestellt. Ihre wahre Loyalität liege zwingend in den Ländern ihrer Vorfahren, also nicht bei Deutschland. Von vielen werden sie quasi als Deutsche auf Bewährung gesehen. Können sie Loyalität zu oder Erfolg für das deutsche Vaterland nicht beweisen bzw. erbringen, werden sie schnell wieder verstoßen.

Fazit: Menschen statt Nationen!

Seit dem so genannten „Sommermärchen 2006“ gibt es bei Männer-Fußball-Großereignissen einen verstärkten positiven Bezug auf Deutschland in Form eines eigenen WM-Nationalismus. Dieser ist sehr viel massentauglicher als z.B. ein Verfassungspatriotismus, der eher von Teilen der Elite verfochten wird.

Wir halten ‚Nationen‘ für überflüssige und unlogische Konstrukte, Nationalismus für nicht hilfreich bis gefährlich und eng verbunden mit dem Patriarchat.

Aus diesen und noch weiteren Gründen finden wir Nationalismus, ‚Patriotismus‘ und alle näheren Verwandten ehrlich gesagt ziemlich beknackt!

Übrigens ist auch ein positiver Europa-Bezug keine tolle Alternative zum deutschen Nationalismus. Warum sollten Menschenliebe und Solidarität am Ural oder Bosporus enden?

Dann bilden wir doch lieber gleich die „Assoziation freier Individuen“ (Karl Marx).

Uns sind die einzelnen Menschen wichtig und nicht die ‚Nationen‘, ‚Völker‘ oder Kontinente. Wir sehen oft, dass wir vielleicht mehr Gemeinsamkeiten mit einem linksalternativen Punk in Tokyo oder Tel Aviv haben als mit unserem konservativen Nachbarn, der gerne Wagner hört.

Uns ist klar, dass wir zuallererst gegen ein Gefühl mit Argumenten antreten. Wir glauben auch nicht, dass wir eine*n National-Gläubige*n mit Argumenten überzeugen können, aber vielleicht die eine oder den anderen, die*der noch unentschlossen ist.

Unvergessen: Der Tod von Kiomars Javadi

Am 19. August jährte sich zum 30. Mal der Todestag von Kiomars Javadi. Daran erinnert die Beschriftung der Bretter am Tübinger Epplehaus: „Kiomars Javadi (+ 19.8.1987) / Todesursache: Rassismus / … und mangelnde Zivilcourage!“

Wer war Kiomars Javadi?
Kiomars Javadi war ein 20-jähriger iranische Flüchtling, der in Deutschland Antrag auf Asyl gestellt hatte. Er suchte hier Zuflucht vor der politischen Unterdrückung in seinem Heimatland. Als Asylsuchender wurde er zwangsweise in der Unterkunft in der ehemaligen Thiepval-Kaserne in der Schellingstraße untergebracht.
Am 19. August 1987 besuchte Kiomars Javadi den heute nicht mehr existierenden Tübinger Supermarkt der „Pfannkuch“-Kette in der Karlsstraße, um sich etwas zu Trinken zu kaufen.
An der Kasse sprach ihn ein Angestellter an, dass er einen Einkaufswagen, den er im Laden abgestellt habe, wieder mit nach draußen nehmen solle. Kiomars versuchte zu erklären, dass er nichts mit dem Wagen zu tun habe. Ein Streitgespräch entspann sich. Daraufhin wurde Kiomars nach Augenzeugenberichten von einem Angestellten von hinten gepackt und gegen seinen Willen in einen Kellerraum verschleppt. Eine Kundin, die vor Javadi an der Kasse stand, gab später bei der Staatsanwaltschaft zu Protokoll: „Sie ließen den Ausländer gar nicht zu Wort kommen. Sie haben ihn von hinten gepackt, so dass seine Füße den Boden nicht mehr erreichten und gegen seinen Willen nach hinten getragen.“
Im Keller konnte er sich offenbar durch einen Biss in den Finger des Angestellten befreien. Zuvor wurde er von dem Angestellten vermutlich misshandelt, denn dieser gestand später, einen Gummiknüppel „fachgerecht gehandhabt“ zu haben. Nach dem Tod von Kiomars Javadi fand die Polizei auch einen Gummiknüppel im Müllcontainer des Supermarkts.
Als die Tür durch den Filialleiter geöffnet wurde, floh Kiomars in den Hinterhof in der Wöhrdstraße. Hier wurde er gegen 17 Uhr von drei Supermarktangestellten gestellt. Er wurde mit Hilfe des Filialleiters gepackt und auf den Boden geworfen und mit dem Gesicht nach unten festgehalten. Der 18-jährige Lehrling Andreas U. nahm das Opfer in den Würgegriff, während der Filialleiter ihm mit einem „schmerzhaften Hebelgriff aus der Karatetechnik“, die Beine verdrehte.
Insgesamt 18 Minuten lang wurde Kiomars nicht aus dem Würgegriff freigegeben. Dies geschah vor den Augen von mindestens 15 gaffenden Zuschauer/innen (nach anderen Berichten sogar 30). Bis auf ein älteres Ehepaar fühlte sich keiner genötigt Kiomars zu helfen und einzuschreiten.
Laut Gerichtsmediziner Volker Schmidt war Kiomars bereits nach vier bis sechs Minuten tot. Die beiden Täter hatten also die meiste Zeit nur noch einen Toten im Würgegriff. Nach 18 Minuten traf die Polizei ein und legte dem Toten noch Handschellen an bis der Krankenwagen kam.
Der Notarzt Dr. Warth berichtete: „Der Befund bei Übernahme war, dass der Patient weite, lichtstarre Pupillen hatte. Es bestand Herzstillstand, Atemstillstand. Er war bereits klinisch tot.”
Unmittelbar nach dem Tod wurde offenbar ein Alibi für die beiden Haupttäter konstruiert, wonach Kiomars beim Ladendiebstahl ertappt worden sei. Man präsentierte der Polizei einen Einkaufswagen, den das Opfer angeblich benutzt haben soll, mit Lebensmitteln, die vorgeblich gestohlen wurden. Jedoch fanden sich keine Fingerabdrücke von Kiomars Javadi auf den Lebensmitteln. Echte Ladendiebe verwenden auch nie Einkaufswagen zum Diebstahl. Angeblich habe sich Javadi einen Einkaufswagen mit Ware voll gestopft und versucht durch die Hintertür zu fliehen.

Im 1988 stattfindenden Prozess trat Javadis Ehefrau Marjan als Nebenklägerin auf. Als Javadis Witwe einmal ums Wort bat, schnitt Richter Dippon ihr so barsch das Wort ab, dass sie weinend aus dem Gerichtssaal lief. Zitat: „Mäßigen Sie sich, auch wenn Sie aus dem Orient kommen”. Der Täter dagegen wurde sehr höflich behandelt. Sowohl die Zeugenaussagen der Täter als auch die Angaben des übrigen Pfannkuch Personals waren auffällig „einheitlich“.
Dem Staatsanwaltschaft genügte als Tatmotiv, die angebliche Verhinderung von Ladendiebstahl. Die wahrscheinlich rassistischen Hintergründe und ein bedingter Tötungsvorsatz waren vor Gericht kein Thema. Sogar die Täter selbst sagten vor Gericht, dass es sich eigentlich gar nicht um einen Ladendiebstahl gehandelt hätte.
Am 30. Juni 1988 wurde nach einem kurzen Prozess das Urteil gegen die beiden Pfannkuch-Mitarbeiter verkündet. Die beiden Täter bekamen eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. In seinem Urteil berief sich der Richter auf einen Präzedenzfall, in dem ein Polizist einen Jugendlichen im Würgegriff tötete und ebenfalls fast straffrei davonkam.
Keiner der Gaffer wurde wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Zu dem Mord an Kiomars Javadi produzierte 1991 der Filmemacher Rahim Shirmahd, ein Freund Javadis, den sehenswerten 20-minütigen Schwarzweiß-Film „18 Minuten Zivilcourage“.

Obwohl in Tübingen an jedem zweiten Haus eine Gedenktafel hängt, gibt es bis heute keine Tafel, die an Kiomars Javadi erinnert.

Dreißig Jahre danach brennt es noch immer
Kiomars Javadi starb in einer Zeit, in der in der westdeutschen Gesellschaft ein rassistischer Diskurs, auch über Geflüchtete, stattfand. In den Zeitungen war die Rede von „Scheinasylanten”, „Wirtschaftsflüchtlinge” oder „Asylanten-Schwemme“. Eine regelrechte Pogrom-Stimmung machte sich in Teilen der Bevölkerung breit. Unions- und SPD-Politiker/innen versuchten sich auch über rassistische Aussagen die Wählergunst zu sichern. In dieser aufgeheizten Stimmung kam es zu Morden und die rechtspopulistische Republikaner-Partei schafft es 1989 in Berlin und bei der Europawahl über die 5-Prozent-Hürde zu springen.

Doch auch dreißig Jahre nach dem Tod von Kiomars Javadi brennen die Flüchtlingsheime und die Brandursache lautet Rassismus. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt gab es 2016 auch bereits den ersten Toten. In Waldbröl bei Bonn erschlugen vier Nazis am 1. September 2016 einen Mann. Sie waren mit Baseballschläger und Schlagring losgezogen, um Flüchtlinge zusammenzuschlagen. Die Nazis griffen auch eine Gruppe Flüchtlinge an, die sich jedoch wehrte. Daraufhin wählten sie ein Zufallsopfer und ermordeten den Mann.
Hinzu gesellen sich weitere Verdachtsfälle.
Eine rechtspopulistische Partei sitzt in Deutschland inzwischen in 13 Landesparlamenten und schickt sich an auch in den Bundestag einzuziehen. Auch mit dem Feindbild Flüchtling gelingt es der AfD Menschen zu mobilisieren. In Tübingen tritt mit Dubravko Mandic ein AfD-Hardliner an, der seine Partei als eine bürgerliche NPD versteht.

Währenddessen geht das stille Sterben auf dem Mittelmeer weiter. NGOs, die mit eigenen Schiffen versuchen Seenothilfe zu leisten, werden derzeit unter Schlepper-Verdacht gestellt.
Die Fluchtrouten werden durch Türsteher der Regierungen Europas bewacht. Bei der Auswahl scheut macht man aus seinem Herzen keine Mördergrube Erdogan in der Türkei und Bürgerkriegs-Milizen in Lybien. Mit der Militärdiktatur in Eritrea wird auch ein Pakt geschlossen, um gleich am Anfang der Flucht anzusetzen.

So hat sich seit dem Tod von Kiomars Javadi leider kaum etwas verbessert. Trotzdem werden wir weiter aktiv sein gegen Rassismus, das Grenzregime und alle seine UnterstützerInnen, egal aus welcher Partei.