Tübingen: Signale der Solidarität an die Opposition im Iran

Seit dem Tod der jungen, kurdischen Frau Jina Mahsa Amini in Teheran am 16. September 20220 bebt es im Iran. Amini war von der islamischen Sittenpolizei festgenommen und misshandelt worden, weil angeblich ihr Kopftuch nicht richtig saß. Seit Beginn der Mullah-Herrschaft 1979 herrscht im Iran eine gesetzlich verordnete Kopftuchpflicht für Frauen.

Es ist nicht das erste Mal dass die Menschen im Iran aufstehen, aber noch nie war das Mullah-Regime so sehr in seiner Existenz bedroht wie dieses Mal und wie jedes in die Enge gedrängte Ungeheuer schlägt das Regime wild um sich. Exakte Zahlen gibt es nicht, aber im Verlauf der Proteste wurden mindestens 506 Bürger*innen getötet, darunter 69 Kinder, und mehr als 18.500 Menschen wurden verhaftet. Zwei Todesurteile wurden offiziell vollstreckt. (Stand: 24.12.2022, 100. Tag der Proteste). Viele der Festgenommenen wurden gefoltert, misshandelt und viele Frauen vergewaltigt.
Darüber hinaus greift die iranische Armee in Irakisch-Kurdistan seit Ende September 2022 mit Bombardierungen an. Es gab in der Folge mehrere Tote. Da die iranischen Kurden-Gebiete zusammen mit dem iranischen Belutschistan Hochburgen des Widerstands sind, fürchtet man die Rückkehr iranisch-kurdischer Oppositioneller aus dem Exil.

Die Führer des Gottesstaats erklären sich die Proteste über antisemitische Verschwörungserzählungen. So erklärte der Oberste Führer Ali Chamenei vor Kadetten in Teheran, dass der Tod von Mahsa Amini nicht Ursache der Unruhen sei, sondern „dass diese Unruhen und Unsicherheiten von Amerika und dem zionistischen Regime und ihren Mitarbeitern geplant“ worden seien. Mit ‚zionistischen Regime‘ ist Israel gemeint, was vom iranischen Gottesstaat mit Vernichtung bedroht wird. Eine Serie antisemitischer Anschläge auf Synagogen in der Bundesrepublik in den letzten Monaten ist laut Medien-Berichten auf den iranischen Geheimdiensts zurückzuführen.

Es ist eine Revolution der Frauen, die da stattfindet. Die Protest-Parole lautet auch „Jin, Jiyan, Azadî“ („Frau, Freiheit, Leben“). Sie ist gegen ein islamistisch-patriarchale System gerichtet, welches seine ultrakonservative Sexualmoral speziell gegen Frauen und auch gegen LSBTTIQ mit Gewalt bis hin zum Tod durchzusetzen versucht.
Im Gegensatz zu früheren Protesten im Iran ist die Protestbewegung diesmal dezentral und umfasst alle Gesellschaftsschichten, Geschlechter und Generationen, sowie alle wichtigen ethnischen Gruppen. Noch nie war das Regime so sehr in seiner Existenz bedroht wie heute.

Wir hier in Tübingen und im Westen bewundern die Menschen im Iran für ihren Mut trotz der Gefahren auf die Straße zu gehen und zu kämpfen. Sie haben im Grunde schon gewonnen, denn die kollektive Erfahrung der Selbstermächtigung durch den Widerstand lässt sich nicht niederknüppeln.
Wir im Westen müssen Druck auf unsere Regierungen ausüben und aufrecht erhalten, den iranischen Gottesstaat mit allen möglichen Mitteln einzuschränken und zu boykottieren. Gleichzeitig müssen wir Signale der Solidarität zu den Menschen im Iran senden, damit sie wissen das sie nicht alleine sind.

*** Link-Tipps ***

Tor Snowflake – Gegen staatliche Internetzensur

Staatliche Repression in der digitalen Welt ist zwischenzeitlich ein wirkungsvoller und oft angewandter Schritt um die Bevölkerung zu beeinflussen. Besonders in China und im Iran zeigt sich ein stark beschränkter Internetzugang in der Allgemeinbevölkerung und erschwert damit den Kampf gegen die jeweiligen autoritären Regime.
Ein (bestenfalls anonymer) Zugang zum Internet stellt dann ein wichtiges Hilfsmittel für Widerstand und Zugang zu propagandafreien Informationen dar.
Generell gilt: Eine Beschränkung des Internetzugangs und damit der Informationsfreiheit erfolgt so gut wie immer entgegen dem Interesse der Öffentlichkeit und im Interesse des Staates. Wir leisten daher einen Beitrag zu einem zugänglichen und anonymen Internet.


Falls auch ihr helfen möchtet ist dies sehr einfach möglich. Aktiviert unten den TOR-snowflake proxy und lasst dieses Browser-Fenster geöffnet.
Weitere Informationen zur Funktion erhaltet ihr unter „Mehr erfahren“ beim TOR-Projekt.

Langfristig findet ihr TOR-snowflake hier: Tor Snowflake

Keine Nächstenliebe für die TOS!

Bis 2010 war TOS die Abkürzung für „Tübinger Offensive Stadtmission“, seitdem fungiert das Kürzel als Eigenname. Bei der TOS handelt es sich um eine evangelikale Freikirche neupfingstlerisch-charismatischer Ausrichtung.
Zentrale Bezugspersonen sind das Pastoren-Ehepaar Jobst und Charlotte Bittner.
Tübingen ist Gründungsort und weiterhin Zentrale der TOS. Hier soll die TOS über 350 Gemeindemitglieder verfügen, weitere hunderte Nicht-Mitglieder besuchen ihre Gottesdienste.
Seit Gründung der TOS 1990 hat sich die TOS in Tübingen gut verankert. Hier verfügt sie über Immobilien-Besitz und hat diverse Unter-Organisationen, z.B. eine eigene Hochschulgruppe, einen Verlag, eine Pfadfindergruppe, Bands und mehrere Vereine.
Erscheint die TOS auf den ersten Blick freundlich und sozial engagiert, so handelt es sich bei genaueren Betrachtung um eine homofeindliche und in sekten-ähnliche Gruppierung.
Orientiert wird sich an einer engen, theologisch-konservativen Interpretation der Bibel als dem ‚unfehlbaren‘ Wort Gottes. Zitat von der TOS-Homepage: „Grundlage allen Denkens und Handelns in der Gemeinde ist die Bibel.“

Aus emanzipatorischer Perspektive ergeben sich folgende konkrete Kritikpunkte an der TOS.

  1. christlicher Nationalismus
    Die TOS vertritt einen christlich geprägten Nationalismus („Deutschland braucht Jesus“, „Deutschland braucht kontinuierliches TAG UND NACHT GEBET“), der sich zum Beispiel in der „Gebetskonferenz für Deutschland“ im September 2021 äußerte.
  2. christliche Homofeindlichkeit
    In der NDR-Dokumentation „Mission unter falscher Flagge“ von 2014 heißt es: „Eine charismatische Gemeinde ist die TOS Gemeinde Tübingen. Wer hier Mitglied sein will, soll vorher eine sogenannte Lebensbeichte ablegen. Anhand einer mehrseitigen Liste kann man potenzielle Sünden identifizieren. Dazu zählen Geisteskrankheiten, die Tatsache, dass man seine Eltern als Kind nackt gesehen hat oder auch Homosexualität und homosexuelle Gedanken. Jobst Bittner, Gemeindeleiter der TOS wiegelt ab, es gehe weniger um die einzelnen Dinge bei der Lebensbeichte, sondern darum, „dass ich mich von Gott abwende“. Die Lebensbeichte solle eher „wie ein Spiegel“ sein, durch den man sich Gott wieder zuwenden könne, so Bittner.
    Die TOS Gemeinde Tübingen veranstaltet immer wieder sogenannte Heilungsgottesdienste oder Heilungskonferenzen. Bei einer dieser Veranstaltungen Anfang des Jahres war auch der Arzt Dr. Arne Elsen aus Hamburg – eigentlich Diabetologe – anwesend, der auf die Frage eines homosexuellen „Panorama“-Reporters, ob er ihn von seiner Homosexualität heilen könne, antworte: „Logisch“.
    […] „Die Bibel lehnt Homosexualität als Lebensstil ab,“ sagt Jobst Bittner, Gemeindeleiter der TOS.“
  3. religiöser Philosemitismus
    Die TOS veranstaltet seit 2007 so genannte „Märsche des Lebens“ für Shoah-Überlebende. Was sich anhört wie eine sinnvolle Aktion, wird aus einem sehr schrägen Geschichtsverständnis abgeleitet. Zum einen geht es um das evangelikale Verständnis von Jüdinnen als dem „auserwählten Volk Gottes“, zum anderen wird die Shoah als religiöse „Vorfahrenschuld“ der nichtjüdischen Deutschen verstanden. Davon gilt es sich zu befreien („Jesus vergibt dir den Holocaust“), was in Form eines Exorzismus der NS-Geschichte versucht wird.
    Mit einer rationalen Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte hat das nichts zu tun, zumal andere NS-Opfergruppen ignoriert werden.
    Es ist auch zu fragen, wie weit die Judenliebe der TOS geht, wenn Jüd
    innen nicht Jesus als ihren Messias anerkennen. So ist der Partner der TOS in Israel das „Jerusalem Institute of Justice“ (JIJ) in Tel Aviv, dessen einziger Vertreter ein messianischer Jude ist.
  4. Wunderheilung
    Die TOS bietet verzweifelten Menschen vermeintliche Wunderheilungen über so genannte Healingrooms an. Die Teilnahmegebühr an diesen betrug 2017 150 Euro. Außerdem lädt sie Heiler von außerhalb ein. Über einen Auftritt des Heilers Charles Ndifon für die TOS hieß es 2017: „Er machte von der Bühne aus nur noch die Feststellung, welche Krankheiten in welcher Ecke des Zeltes gerade geheilt würden. Danach forderte er diejenigen, die sich gemeint fühlten, auf, nach vorne zu kommen.
    Vorne an der Bühne wurden von Helfern diejenigen aussortiert und zurückgeschickt, die eindeutig schwere Krankheiten hatten, z.B. im Rollstuhl saßen. Auf der Bühne demonstrierte er dann die erfolgten Heilungen; wenn seine Demonstrationen nicht gelangen, verspottete er die Kranken, die angeblich nur simulierten.“
    (Annette Kick: Gesundheit als „Christenpflicht“! Heilungsbewegungen kritisch hinterfragt über eine Wunderheilung bei der TOS, 2017)
  5. sekten-artiges Wesen und Ausbeutung
    Ein ehemaliges TOS-Mitglied berichtet von einem stark autoritären System: „Die Leiter der Gemeinde, Jobst Bittner und seine Frau, hätten sich selbst als »Gesalbte des Herren« bezeichnet, die direkt von Gott Weisungen empfingen. Christiane Schmidt erzählt, sie habe keine eigene Meinung vertreten dürfen. Während einer »seelsorgerischen Betreuung« sei sie gezwungen worden »auf den Knien« Buße zu tun. Außerdem hätten die Gemeindeleiter bestimmt, wer mit wem Kontakt halten dürfe. Der Umgang mit Personen, außerhalb der TOS – auch mit Familienmitgliedern – sei unterbunden worden.“
    (Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland, Berlin 2009, Seite 34)
    Ein enges Korsett von Vorschriften regelt das Leben der TOS-Mitglieder: „Die Vorschriften beträfen nicht nur das Gemeinde-, sondern auch das Privatleben der Gläubigen. Ehemalige Mitglieder erzählen, dass die Leiter der TOS absoluten Gehorsam gefordert hätten. Auch Kritik und Widerspruch gälten als Sünde. Außerdem würden die Leiter großen Einsatz von ihren Mitgliedern verlangen und sie immer wieder auffordern, viel Geld zu spenden. Die Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche Württemberg, Annette Kick beobachtet die Gemeinschaft seit vielen Jahren und hat mit zahlreichen ehemaligen Mitgliedern gesprochen. Sie hat den Eindruck, dass das Selbstwertgefühl vieler Mitglieder »Stück für Stück gebrochen« werde.“
    (Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland, Berlin 2009, Seite 32-33)
  6. Dämonen-Glauben und Exorzismus
    Jobst Bittner predigt die Existenz von Teufel und Dämonen in der Welt und auf angeblich besessene Mitglieder wird psychischer Druck ausgeübt: „Der Tübinger Psychologe Axel Schubert sagt, ein ehemaliges Mitglied habe ihm berichtet, dass angeblich besessene Personen über Stunden angeschrien worden sein. Zwei oder drei TOS-Mitarbeiter hätten sich dabei abgewechselt und – wie sie es darstellen – auf den Dämon eingewirkt, um ihn auszutreiben.“
    (Oda Lambrecht und Christian Baars: Mission Gottesreich. Fundamentalistische Christen in Deutschland, Berlin 2009, Seite 25)

Fazit: Keine Akzeptanz von Intoleranz
Die TOS wird ihren Platz auf dem Stadtfest benutzen, um zu missionieren. Als säkular bis atheistisch eingestellte Menschen finden wir vom Epplehaus es unerträglich einer Gruppe wie der TOS auf dem Stadtfest einen Platz bekommt.
Religionsfreiheit bedeutet keine Freiheit vor Religions-Kritik und ganz bestimmt keinen Freifahrtschein für Homofeindlichkeit!

50 Jahre Epplehaus: Happy Besetzungsday!

Das Epplehaus wird am 22. Juni 2022 ein halbes Jahrhundert alt. Ob die Menschen, die in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1972 das Gebäude in der Karlsstraße 13 besetzten, sich vorstellen konnten, dass ihre Besetzung 50 Jahre lang hält?
Vielleicht schon, in Tübingen wurde immerhin Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ geboren.
Seit der Besetzung des leer stehenden Gebäudes nach einem Konzert von „Ton Steine Scherben“ ist viel Wasser den Neckar runter geflossen. Generationen wurden im Epplehaus erwachsen und sind ihm wieder entwachsen. Viele Epplis haben Tübingen verlassen, aber einige trugen weiter einen Funken vom Epplehaus-Spirit in sich.
Hunderte, vermutlich tausende, vor allem junger Menschen, sind durch die praktische Schule der Basisdemokratie und der Selbstorganisation gegangen.
Hunderttausende waren auf Partys und Konzerten zu Gast. Es wurde getanzt, gefeiert, getrunken und geredet. Paare fanden sich, Paare trennten sich. Freundschaften entstanden und wuchsen.
Für viele Aktive war das Epplehaus auch der notwendige Rückzugsraum vor Alltagsstress, Problemen mit den Eltern und ein Treffpunkt mit Freundinnen. Das Epple bot Raum, vor allem Freiraum. Zum organisieren, lernen, treffen, veranstalten und Musik machen. Als relativ unkommerzieller Veranstaltungsraum war das Epplehaus ein Experimentierfeld für Musik-Richtungen abseits des Mainstreams wie Punkrock, Reggae, Metal oder Dubstep.
Für einige DJs und Live-Musikerinnen wurde das Epple ein Sprungbrett zum Erfolg. Der damalige Sozialarbeiter Hartmut Litzbarski merkte im März 2000 an: „Die Hälfte unserer regelmäßigen DJs geht jetzt nach Hamburg, die andere nach Berlin.“
Das „Schwäbisches Tagblatt“ nannte 2004 das Epplehaus anerkennend ein „Zentrum der Jugendkulturförderung, Mekka verschiedener Szene-Gruppen, Schmiede zahlreicher Musiker“.
In einem Artikel am 17. Mai 2005 im „Schwäbisches Tagblatt“ hieß es sogar einmal: „Nach dem Konzert wurde im Epplehaus weitergefeiert, dessen Macher längst das Bundesverdienstkreuz hätten, wenn Punk als wohltätig gälte.“
Vermutlich würde so etwas wie das Bundesverdienstkreuz aber von den Epple-Aktiven abgelehnt werden. Denn das Haus hat sich vielleicht äußerlich gewandelt, die Besetzung hat immer wieder gewechselt – und doch ist das Haus unbequem geblieben!

Wir feiern am 24. und 25. Juni 2022 den 50. Jahrestag der Epple-Besetzung.
Informationen zum Programm findet ihr hier: Epplehaus Jubiläums – Openair

Wir suchen noch helfende Hände für das Jubiläum. Falls ihr Interesse habt schaut hier vorbei: Schichtplan 50-Jahre

Auf die nächsten 50 Jahre!

Definitionsmacht und ihre Notwendigkeit

Aus gegebenen Anlass, finden wir es wichtig zu dem Konzept der Definitionsmacht Stellung zu beziehen. Es wurde im Zuge der zweiten Frauenbewegung in den 70er Jahren entwickelt um sich gegen die gegen Frauen gerichtete Gewalt zu wehr zu setzen.

Patriarchale Verhältnisse prägen die Lebensbedingungen und den Alltag von FLINTA* Personen.
Die Definition darüber was als Gewalt angesehen wird, liegt meistens in den Händen männlicher Definierender und ist normiert durch rechtliche Definitionen, die auf einer patriarchal geprägten Gesetzgebung basieren. Die cis-männliche Definition von Grenzen wird dabei als Normal angenommen. Bis in die 90er war Vergewaltigung in der Ehe keine Straftat und bis vor kurzem galt noch, dass Betroffene sich körperlich wehren mussten, damit man rechtlich von einer Vergewaltigung sprechen konnte. Auch der retraumatisierende juristische Prozess zeigt, dass der Schutz von Betroffenen niedrige Priorität für Judikative und Exekutive hat.

Definitionsmacht bedeutet, dass die von Gewalt oder Diskriminierung betroffene Person selbst definiert, welche Form der (sexualisierten) Gewalt oder Diskriminierung sie erlebt hat und dabei die Begriffe wählt, die für Sie das Geschehene am besten beschreiben. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie das muss. Allerdings ist das Finden von Worten für das Geschehene oft grundlegend für die (eigene) Aufarbeitung. Es kann helfen, es anderen zu kommunizieren, um sich dessen überhaupt bewusst zu werden und es aufarbeiten zu können. Die von der betroffenen Person gewählte Definition wird dabei als gegeben hingenommen und nicht in Frage gestellt.

Zentral für die Definition von Gewalt ist das persönliche Empfinden einer Grenzüberschreitung.
Gewalt wird aufgrund von Erfahrungen unterschiedlich erlebt und entsprechend unterschiedlich eingeordnet und bewertet. Manchmal brauchen Betroffene Zeit und Unterstützung, um benennen zu können, was ihnen widerfahren ist. Manchmal verändern sich auch die Begriffe, die von den Betroffenen verwendet werden über die Dauer des Aufarbeitungsprozesses. Auch spielt Angst eine große Rolle dabei, denn Betroffene die öffentlich aussprechen was ihnen passiert ist, werden öffentlich angefeindet, ausgegrenzt, bedroht und sanktioniert.

Es geht bei der Definitionsmacht nicht darum, den Übergriff auf einer vermeintlich und angeblich objektiven Skala der schwere der Gewalt einzuordnen, so wie dies im juristischen Kontext geschieht.
Es geht auch nicht darum, die gewaltausübende Person zu bestrafen, sondern um eine Ermächtigung und einen Schutz der betroffenen Person. Denn in dem Moment, in dem Betroffene Gewalt erfahren, wird ihre Selbstbestimmung verletzt. Durch die parteiliche Unterstützung der betroffenen Person soll ihre Selbstbestimmung, Handlungsfähigkeit und eigene Wahrnehmung gestärkt werden.

Das Konzept der Definitionsmacht stellt somit eine bewusste Abgrenzung zum bürgerlichen Rechtssystem dar, in dem sich die betroffene Person, aufgrund der Unschuldsvermutung in einer strukturell schwächeren Position befindet. Die Forderung nach einer objektiven Klärung, scheint zwar nachvollziehbar, ist aber in Fällen von sexualisierter Gewalt äußerst kritisch zu betrachten. Sexualisierte Übergriffe finden häufig in intimen Situationen statt, in denen es keine weiteren Zeug*innen gibt. Zu beweisen das ein Übergriff statt gefunden hat, kann deshalb sehr schwer für die betroffene Person sein. Die stundenlange Befragungen in denen gefordert wird, dass die Betroffene den Vorgang detailliert schildert, können eine große Belastung nach einem erlebten Übergriff sein und zu Flashbacks führen. Dazu kommt noch das die „gegnerische Seite“ häufig versucht die Betroffene mit herabwürdigenden Stereotypen zu belegen und als Unglaubwürdig darzustellen.

Wir finden den aktuellen Diskurs, wie er in einigen Teilen der linken Szene Tübingens im Moment stattfindet schockierend. Die Infragestellung der Definitionsmacht sehen wir als problematisch und grenzverletzend an.

Von Kritiker*innen der Defma wird oft behauptet, dass betroffene Personen, die von ihnen genannten Vorfälle nur aus purer Boshaftigkeit oder Eigennutz erfinden würden, um die eines Übergriffs beschuldigten Personen zu schaden, sie zu diffamieren und aus Gruppen zu verdrängen.

Unserer Wahrnehmung nach, erfahren aber nicht sich übergriffig verhaltende Personen, sondern diejenigen, die Betroffene selbiger sind in den meisten Fällen solche soziale Isolierung.
Auch wenn sich betroffene Personen einen transformativen Prozess wünschen, um gewaltausübenden Personen eine Chance zu geben, sich mit ihrem übergriffigem Verhalten auseinanderzusetzen, haben sie, wie in Tübingen gerade zu spüren ist, mit heftigem Widerstand zu rechnen. Und das nicht nur von den gewaltausübenden Personen selbst, sondern auch deren Umfeld. Darin sehen wir eine Abwehrstrategie um sich nicht innerhalb des eigenen Umfelds mit dem übergriffigen Verhalten auseinanderzusetzen zu müssen. Wir stellen aber leider auch fest, dass soziale Bindungen und bürgerliche Familienbegriffe vielen „Linken“ wichtiger sind als eine antisexistische Politik.

Das Ansprechen und öffentlich machen von Übergriffgen führt in den meisten Fällen leider keinesfalls dazu, dass Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen anerkannt und umgesetzt werden. Im Gegenteil, der aktuelle Fall zeigt ganz deutlich, wie die Realität aussieht, mit der viele Betroffene nach der Öffentlichmachung eines Übergriffes konfrontiert sind:
Ausschluss aus den gewohnten Strukturen, Rechtfertigungsdruck, Diffamierung und Demütigung in der Öffentlichkeit.

Dadurch entsteht eine Reproduktion der Ohnmacht, die Betroffene in der Situation eines Übergriffs erleben. Diese lösen zurecht Wut und Verzweiflung bei den Betroffenen und deren Unterstützer*innen aus. Es kann Betroffene zudem erneut traumatisieren.

Wir müssen uns klarmachen, dass es häufig eine Menge Druck braucht, damit Personen ihre Komfortzone verlassen und sich der gewaltvollen Realität stellen, die sie verursacht haben oder weiterhin verursachen.
Täterschutz und Täterumgang sind nicht identisch. Täterumgang erfordert allerdings einiges, wie bspw. die Anerkennung der Definition der Betroffenen und einen kritischen Umgang mit den Abwehrmechanismen der gewaltausübenden Person und auch eine eigene Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und den Dynamiken, die dabei entstehen können.
Es geht eben nicht darum, die gewaltausübenden Personen aus ihrem Umfeld zu reißen oder für immer zu verbannen, sondern um einen reflektierten und kritischen Umgang. Es geht darum den Betroffenen etwas sicherere Räume zu ermöglichen. Wir müssen uns bewusst sein, dass Zugang zu linken Projekten für sexuell übergriffige Personen, direkt auch den Ausschluss von Betroffenen und Gefährdeten bedeutet.

Sicherlich hat das Konzept der Definitionsmacht auch seine Grenzen und Schwierigkeiten, trotzdem ist es bist heute das Konzept, welches reale gesellschaftliche Macht- und Unterdrückungsmechanismen mitdenkt und in den Prozess miteinbezieht. Wir möchten hierbei auch noch darauf verweisen, dass die in Tübingen geübte Kritik an der Definitionsmacht, theoretisch und praktisch platt ist und sich offensichtlich kaum mit den Begrifflichkeiten auseinandergesetzt hat. Ein großer Teil der Kritik an Definitionsmacht bezieht sich auf Sanktionen und Handlungsvorgaben: Definitionsmacht, Sanktionsmacht und Handlungsmacht werden dabei in einen Topf geworfen, je nachdem wie dies gerade argumentativ passt. Neuere Konzepte wie Transformative Justice werden dabei öffentlich eingefordert und als konträr zu Definitionsmacht verkauft, dabei bilden Definitionsmacht und kollektive Verantwortungsübernahme (community accountability) die theoretische und praktische Grundlage sämtlicher hierfür vorhandenen Texte und dazu arbeitenden Gruppen.

Die meisten sexualisierten Übergriffe werden nicht öffentlich gemacht, da Betroffene sich der darauf folgenden Prozedur nicht gewachsen fühlen.
Unser Ziel sollte es sein, Betroffene von sexualisierter Gewalt zu ermutigen, das, was sie erleben mussten, ansprechen zu können, sich zu wehr zu setzen und sich Hilfe zu holen. Die aktuelle Situation empfinden wir jedoch als höchst abschreckend für andere betroffene Personen. In einigen „linken“ Zusammenhängen und Projekten werden sie sich, aufgrund des Geschehenen niemals äußern können, sondern haben keine andere Wahl als diese zu verlassen.

Wir möchten keine linke Szene, die Betroffene ausschließt und mit Sanktionen überzieht, sondern eine Szene in welcher sich von Gewalt, Diskriminierung und Marginalisierung Betroffen einigermaßen sicher fühlen können und die gemeinsam mit und bei gewaltausübenden Personen Verhaltens- und Einstellungsänderungen erarbeitet.